Von Bäckern und Königen - Zur Geschichte des Baumkuchens: Details

Charlotte Lentz, Inhaberin des Neustädter Rathauskellers Öl, M. 19. Jh.

In der Überlieferung zur Geschichte des Salzwedeler Baumkuchens spielt der ehemalige Neustädter Rathauskeller, später Hotel und Gastwirtschaft „Schwarzer Adler“, eine besondere Rolle. Die Gastwirtschaft wurde zum Ende des 18. Jahrhunderts von Ernst August Garves übernommen, der vorher lange Jahre als Koch und Küchenmeister in Schwedt und Berlin gearbeitet hatte. Am Anfang des 19. Jahrhunderts traten dann seine Tochter Charlotte mit ihrem Mann Johann Joachim Friedrich Lentz an seine Stelle.
Die erste Erwähnung des Baumkuchens aus Salzwedel erfolgte im Jahre 1843 in Zusammenhang mit der Wirtin des Neustädter Rathauskellers Madame Lentz. Dabei ist heute nicht mehr zu klären, ob es sich dabei um Charlotte Lentz bzw. um ihre Tochter Luise Lentz handelt, die nach dem Tode des Mannes und Vaters Johann Lentz wohl die Gastwirtschaft gemeinsam führten.
Durch Einheirat in die Familie Lentz im Jahre 1844 wurde der Familienbetrieb danach unter dem Namen Beckmann auch als Hotel weiter geführt.
Welche Bedeutung die Baumkuchenherstellung dann weiterhin für das Hotelunternehmen besessen hat, ist nicht genau abzuschätzen. Die Familienüberlieferung spricht von „Hunderten von Baumkuchenbestellungen“, die zur Weihnachtszeit eingegangen sein sollen.

Joachim Friedrich Schernikow (1815-1875), Hoflieferant und Hofkonditor

Der Name der Bäckerfamilie Schernikow ist untrennbar mit der Geschichte des Salzwedeler Baumkuchens verbunden. Ursprünglich aus Kalbe/ Milde stammend, siedelte sich die Bäckerfamilie im 18. Jahrhundert in der Altstadt Salzwedel an. Über fünf Generationen hinweg wurden Vertreter der Familie Schwernikow als Bäcker bzw. dann auch als Konditor erwähnt.
Über Umfang und Bedeutung der Baumkuchenproduktion gibt es nur sehr spärliche Überlieferungen. Das früheste auf das Jahr 1807 datierte Rezeptbuch mit den Zutaten für einen Baumkuchen geht auf Andreas Schernikow (1786-1852) zurück.
Sein Sohn Friedrich Schernikow (1815-1875) erwarb als Werbebezeichnung den Titel eines Hofkonditors.
Die späteren Nachfolger von Andreas und Friedrich Schernikow führten den Familiennamen A. F. Schernikow als Markennamen weiter. Als solcher wird er teilweise bis in die Gegenwart hinein genutzt.

Baumkuchenbehälter der Firma Emil Schernikow um 1900

Nach dem Tode von Friedrich Schernikow übernahmen zwei seiner Neffen, in Konkurrenz zueinander, die Führung in der Salzwedeler Baumkuchenproduktion.
Das Stammhaus in der Holzmarktstraße übernahm Fritz Gerecke im Jahre 1875. Emil Schernikow (1846–1930) etablierte 1876 einen neuen Produktionsstandort in der St. Ilsenstraße.
Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg expandierte die Produktion und wuchs die überregionale Bekanntheit des Baumkuchens.
1883 schrieb Ludwig Parisius dazu:
"Der Salzwedeler Baumkuchen wird von Feinschmeckern den gleichbenannten Kuchen anderer Orte weit vorgezogen und ist auf dem besten Wege, Weltruf zu erlangen. Schon jetzt wandern viele tausende von Kisten mit dem süßen schmackhaften Gebäck aus einer Reihe von Bäckereien zur Post, um nicht blos nach allen Gauen Deutschlands, sondern oft nach Rußland und Amerika befördert und daselbst verzehrt zu werden."

Auch im Brockhaus Konversationslexikon von 1892 wurde auf den besonderen Ruf des Salzwedeler Baumkuchens hingewiesen. In Kochbüchern der Zeit um 1900 und danach findet der Salzwedeler Baumkuchen ebenfalls eine herausgehobene Erwähnung.

Königsschild des Salzwedeler Schützenkönigs Willi Pengel

Neben den wohl bekannteren Konditoreien Gerecke und Schernikow existierten in der Zeit um 1900 und danach weitere Baumkuchenhersteller in Salzwedel.
Auch mehrere Cafés warben mit dem Baumkuchen. Dem Umfang der zeitgenössischen Werbung nach besaß darunter die Baumkuchenbäckerei C. Peters eine besondere Stellung.

Baumkuchenbehälter der Vereinigten Baumkuchenfabriken, Inhaber Fritz Kruse, um 1930

Einen Höhepunkt der Baumkuchenproduktion und deren überregionaler Vermarktung nach dem 1. Weltkrieg ging auf den Konditormeister Fritz Kruse zurück.
Fritz Kruse erwarb 1920 den Betrieb A. F. Schernikow von Fritz Gerecke und vereinigte diesen 1928 mit der zweiten von Emil Schernikow im Jahre 1928 übernommenen Firma. Es entstanden dadurch die Vereinigten Schernikowschen bzw. Salzwedeler Baumkuchenfabriken.
Der überregionale Versand und der Export in das Ausland wuchsen bis zum 2. Weltkrieg an.
Nach dem Tode von Fritz Kruse im Jahre 1945 führten seine Frau und Tochter den Betrieb unter DDR-Verhältnissen bis zur Enteignung im Jahre 1958 weiter.

Beipackzettel für einen Baumkuchen aus der Produktionsgenossenschaft des Handwerks Bäcker und Konditoren

Während der Zeit der DDR existierten mehrere Betriebe in Salzwedel, die Baumkuchen herstellten.
Nach der Enteignung der Familie Kruse, die bis 1958 das traditionsreiche Familienunternehmen führte, waren die Hersteller- bzw. Vertriebsbetriebe in den vorherrschenden Formen der DDR-Wirtschaft strukturiert: „Produktionsgenossenschaft des Handwerks“ (PGH) und „Volkseigener Betrieb“ (VEB), „Konsumgenossenschaft“ (KONSUM), bzw. „Handelsorganisation“ (HO). Die Konsumgenossenschaft übernahm ab 1949 die vormalige Konditorei Emil Schernikow/ Kruse in der St. Ilsenstraße. Der VEB Nahrungsmittel stellte eine ganze Reihe von Jahren in der ehemaligen Privatbäckerei Eckardt in der Reimmanstraße 5 ihren Baumkuchen her, bevor im Jahre 1980 eine Großbäckerei in der Schillerstraße erbaut wurde. Die PGH Bäcker und Konditoren produzierte in ihrer Bäckerei in der St. Georgstraße Baumkuchen.

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