Skizze des Pfarrgartens – Büro HORTEC Berlin

Gefördert durch

Anlegung eines botanischen Schau- und Lehrgartens im Freilichtmuseum Diesdorf (Pfarrgarten)

Im Freilichtmuseum Diesdorf an der Stelle eines vorhandenen ländlichen Gartens, der nicht in das Bauensemble des Museumsdorfs eingebunden ist, ein neuer botanischer Schau- und Lehrgarten in Form eines „Pfarrgartens“ angelegt werden.

Die konzeptionellen Grundlagen hierfür wurden im Teilprojekt „Botanischer Garten_neu gedacht!“ des transnationalen LEADER-Projektes „Ökologische Gestaltung und Pflege von öffentlichen Grünräumen“ entwickelt.

Das Projekt wird  gefördert aus dem Programm „ländliche touristische Infrastruktur“ nach der Richtlinie zur Förderung der regionalen ländlichen Entwicklung des Landes Sachsen-Anhalt in der EU-Förderperiode 2014 bis 2020 (RELE 2014-2020).

In dem neuen Garten sollen zum einen historisch belegte Pfarrgartenpflanzen („alte“ Exoten) wachsen, zum anderen aber Pflanzen, die heute noch exotisch sind, in Zukunft aber in Mitteleuropa eine Rolle spielen könnten, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des globalen Klimawandels. „Die Exoten von heute sind die alten Sorten von morgen“ – dieses vom österreichischen Pomologen Siegfried Tatschl geprägte Motto gibt hierfür eine Orientierungslinie.

Das Freilichtmuseum Diesdorf, Sachsen-Anhalts einziges volkskundliches Freilichtmuseum und eines der ältesten in Deutschland, vereint auf einer Fläche von ca. sechs Hektar nicht nur 25 historische Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sondern auch vier historische Hausgärten, zwei Obstgärten sowie eine Feldgartenfläche. Sie runden die Hofanalgen ab – denn ein Garten gehörte früher zum Haus dazu – und verleihen dem Museumsdorf, gemeinsam mit Feldflächen, Wiesen, Wald- und Heidebereichen, den Charakter einer ganzheitlich rekonstruierten historischen Kulturlandschaft.

Die Gärten des Freilichtmuseums wurden seit der Mitte der 1980er Jahre angelegt. Sie sind in unterschiedlichen Zeitschnitten sozial- und pflanzenhistorisch den einzelnen Hoftypen zugeordnet:

Im Garten eines Ackermannes (um 1740) am Kammerfach des sog. Winkelstedter Hallenhauses dominiert die Nutzgartenfunktion. Hier wachsen u.a. der Altmärker Braunkohl, Buschbohne, Gartenmelde, Möhren, Erbsen, aber auch Heil- und Zierpflanzen wie Zitronenmelisse oder Osterluzei.

Im Garten eines Ackermannes (um 1770), dem Niederdeutschen Hallenhaus aus Maxdorf zugeordnet, haben schon einige neue Arten Einzug gehalten: Mais, Kartoffel, Kohlrübe, stehen neben Kürbis, Pastinacke und Topinambur.

Im Garten eines Kossaten (um 1825) tritt bereits die Zier- und Erholungsfunktion deutlich hervor. Weite Flächen dienen zwar noch dem Anbau von Braun- und Weißkohl, Bohnen, Erbsen und Zwiebeln. Die Kartoffel ist aus dem Garten jedoch wieder verschwunden und wird nun als Grundnahrungsmittel auf den Äckern angebaut. Dafür duften herrlich die „Bauernrosen“ oder der Flieder, es blühen Taglilie, Aurikel, Primel, Pfingstrose etc.

Beinahe schon ein Freizeitgarten ist der Garten des Kossaten (um 1900), mit Rosenbogen und Beerenobststräuchern, doch auch hier wachsen noch Salat, Gurken, Kohl und Zwiebeln für die eigene Küche.

Die Gärten des Freilichtmuseums zeigen somit die Entwicklung der ländlichen Gartenkultur von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert. Neben der Funktionsverlagerung vom Nutz- zum Ziergarten ist dabei die stetige Integration neuer, zunächst „exotischer“ Pflanzen bemerkenswert.

Der Pflanzenimport aus Übersee hat die europäischen Kulturlandschaften (und Ernährungsgewohnheiten) zwischen 1500 und 1900 nachhaltig verändert. Die Kartoffel, aber auch der Mais, Sonnenblume, Tabak und Tomaten, sind hierfür bekannte Beispiele. Eine besondere Mittlerfunktion hatten dabei die botanischen Gärten, die seit 16. Jahrhundert zunächst in den Universitätsstädten entstanden. Hier wurden die Anbau- und Nutzungsmöglichkeiten neuer Pflanzen untersucht und erprobt, und die Erkenntnisse in einem „botanischen Netzwerk“ ausgetauscht.

Auf dem Lande übernahmen vielfach die Gärten der Pfarrer diese Funktion. Die Geistlichen hatten am ehesten Zeit und Muße, in ihren Gärten botanischen Studien nachzugehen, Obst- und Gemüsesorten zu veredeln und zu züchten. Sie besaßen naturwissenschaftliche Bildung und Sprachkenntnisse (Latein), und sie waren untereinander sehr gut vernetzt. Nicht wenige Pfarrer gaben erfolgreiche Pflanzenneulinge an ihre Gemeindeglieder ab, um so das Niveau der Landwirtschaft in ihrem Bereich zu heben. Innovationen in der Agrarwirtschaft entsprangen nicht selten Pfarrers Garten.

Als Erweiterung der bestehenden „Bauerngärten“ soll daher im Freilichtmuseum Diesdorf ein „Pfarrgarten“ als botanischer Lehr und Schaugarten entstehen. Er soll „Naturerlebnis mit globaler Vielfalt“ ermöglichen und die Besucher auf eine botanische Entdeckungsreise vom 17. Jahrhundert bis die Gegenwart und mögliche Zukunft einladen. Entsprechend soll das Kulturpflanzenrepertoire neben überlieferten Obst- und Gemüsesorten auch Exoten wie die Maibeere (Lonicera kamtschatika), die Indianerbanane (Asimina triloba) oder den Blauschotenstrauch (Decaisnea fargesii) umfassen. In Abstimmung mit dem Pomologen Siegfried Tatschl wurde hierzu eine Pflanzenliste erstellt.

Dem Pflanzenkonzept soll auch die äußere Gestaltung des Gartens Rechnung tragen: traditionelle Formen ländlicher Gärten werden aufgegriffen, deren geometrische Strenge jedoch aufgelockert, Wegeführung und Binnengliederung der Beete modern interpretiert (Abbildung).

Durch die regionaltypische Umfriedung mit einer Feldsteinmauer wird sich der „Pfarrgarten“ – in dessen unmittelbare Nähe 2019/2020 die Kirche aus dem kleinen Ort Klein Chüden bei Salzwedel umgesetzt wird – in das historische Ensemble bruchlos einfügen. Pavillon und Sitzmöglichkeiten sollen zum Verweilen einladen; didaktische Tafeln und Hinweisschilder erläutern den Besuchern die Pflanzenvielfalt und deren historisch-botanischen Hintergrund. Die Verbindung von Tradition und Innovation macht den besonderen Charme des Projektes aus.

Das Freilichtmuseum Diesdorf erhält mit diesem Pfarrgarten ein Alleinstellungsmerkmal und könnte seine touristische Attraktivität weiter steigern. Gartentourismus ist einer der wesentlichen Reisetrends der Gegenwart; gerade in der Altmark hat sich diese Sparte gut entwickeln können und soll weiter ausgebaut werden (ILEK Altmark 2020, S. 58).

Durch die Nutzung als Lehrgarten für innovative ökopädagogische Programme und Vermittlungsangebote kann das Freilichtmuseum seinen Stellenwert als außerschulischer Bildungsort nachhaltig stärken und auf die gesellschaftliche Nachfrage nach ökologischen Themen reagieren.

Nicht zuletzt wird der „Pfarrgarten“ zur Erhaltung des kulturellen Erbes (regionale Kulturpflanzen), Erhöhung der Artenvielfalt und zum Boden-, Wasser- und Klimaschutz beitragen.

 

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